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Tomkowiak

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Completed research project

Title / Titel The Question of Matriarchy in Popular Science Literature (Doctoral Thesis, Meret Fehlmann)
PDF Abstract (PDF, 14 KB)
Original title / Originaltitel Die Rede vom Matriarchat. Zur Gebrauchsgeschichte eines Arguments (Dissertation von Meret Fehlmann)
Summary / Zusammenfassung Die Dissertation „Die Rede vom Matriarchat. Zur Gebrauchsgeschichte eines Arguments“ (abgeschlossen 03/2010) von Meret Fehlmann untersucht die Genese des Matriarchatsdiskurses. Das Matriarchat begegnet als Vorstellung gegenwärtig vor allem in esoterischen und/oder feministischen Kreisen. Ihnen gilt das Matriarchat als eine in früheren Zeiten weltweit verbreitete, gewaltfreie und klassenlose Gesellschaft mit einem Kult der Grossen Göttin – als Herrin über den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Diese Gesellschaftsordnung soll in historischen Zeiten durch das Patriarchat abgelöst worden sein.

An der Ausgestaltung dieser Vorstellung waren verschiedene Strömungen beteiligt. Einerseits speiste sich die Matriarchatsvorstellung im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Andererseits erhielt sie auch Impulse von sozialen Bewegungen. Beide Einflüsse haben sich gegenseitig befruchtet.

Vorstellungen einer frauenzentrierten Vergangenheit der Menschheit tauchten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. So gilt auf der wissenschaftlichen Seite oft J. J. Bachofen (1815-1887) wegen seines Werks „Das Mutterrecht“ (1862) als „Vater“ des Matriarchats. Etwa zeitgleich entdeckte der vor allem in den angelsächsischen Ländern vertretene kulturelle Evolutionismus das Thema der einstigen Vormacht des weiblichen Geschlechts im religiösen, sozialen und kulturellen Bereich, von wo aus es von der Religionswissenschaft, der Archäologie, von der Volkskunde und der Psychologie aufgegriffen und weitergeformt wurde.

Den sozialen Bewegungen ging es um die erneute Etablierung eines Matriarchats als Prototyp einer anderen, besseren Gesellschaft. Bereits der utopische oder Frühsozialismus im frühen 19. Jahrhundert entwickelte entsprechende Vorstellungen einer Umstellung der Gesellschaft, um den Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen und so die Gesellschaft insgesamt genesen zu lassen. Die erste Frauenbewegung bezog sich vor allem in den angelsächsischen Ländern auf das Matriarchat, um ihren Forderungen nach Frauenrechten eine historische Basis und Legitimation zu geben. Im deutschsprachigen Raum beteiligten sich auch die Lebensreform und die völkische Bewegung am Matriarchatsdiskurs, teilweise tendierten diese Bemühungen auf die Umgestaltung der christlichen Religion bzw. auf die Wiedererweckung der heidnischen Vergangenheit Europas.

Das Matriarchat war für gewisse Teile der zweiten Frauenbewegung ein wichtiger Bezugspunkt. In den späten 1970er Jahren kulminierten alle genannten Stränge des Matriarchatsdiskurses im eingangs geschilderten Bild. Im deutschsprachigen Raum fand teilweise eine undifferenzierte Rezeption von Schriften aus dem völkischen Milieu der 1920er bis 1940 Jahre statt, was die Berechtigung der Kritik des gegenwärtigen Matriarchatsdiskurses als eurozent-ristisch oder gar antisemitisch belegt.

Die Analyse zielte darauf ab, die Entstehungs- und Verwendungszusammenhänge der Rede vom Matriarchat unter Berücksichtigung des jeweils zeitgenössischen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Kontextes zu rekonstruieren. Dabei zeigte sich, dass der Bezug auf das „Matriarchat“ seit dem ersten Auftreten im frühen 19. Jahrhundert ideologisch aufgeladen wurde und die Rede vom Matriarchat immer als Ausdruck von Sehnsüchten und/oder Ängsten der jeweiligen RednerInnen fungierte.
Publications / Publikationen - Meret Fehlmann: Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106 (2010), 267-290.
- Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zur Gebrauchsgeschichte eines Arguments. Zürich: Chronos 2011.
Keywords / Suchbegriffe Matriarchy, Popular Science Literature, Matriarchat, Esoterik, Kulturgeschichte, Religion, Populärwissenschaft, Kultureller Evolutionismus, Frauenbewegung
Project leadership and contacts /
Projektleitung und Kontakte
Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak (Project Leader)  
lic.phil. Meret Fehlmann MeretFehlmann@access.uzh.ch
Funding source(s) /
Unterstützt durch
Universität Zürich (position pursuing an academic career)
 
Duration of Project / Projektdauer Jul 2004 to Apr 2010