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Flitsch Kaiser

Fakultäten » Philosophische Fakultät » Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft, Institut für » Völkerkundemuseum » Prof. Dr. Mareile Flitsch » Flitsch Kaiser

Completed research project

Title / Titel The Crowning Gift
PDF Abstract (PDF, 14 KB)
Original title / Originaltitel Die höchste Gabe
Summary / Zusammenfassung DIE HÖCHSTE GABE
Eine buddhistische Legende als multimediales Spektakel

Die Erzählung: Das Vessantara Jataka, die Geschichte von Buddhas letzter Existenz, bevor er im 6. Jahrhundert v.u.Z. als der historische Buddha wiedergeboren wurde, gehört zu den kanonischen Texten des Buddhismus und ist die in Südostasien bekannteste buddhistische Erzählung.
Hauptfigur der Geschichte ist der Prinz Vessantara, dessen masslose Freigiebigkeit zu seiner Verbannung in die Wildnis des Himalayas führen. Doch auch sein Eremitendasein hindert ihn nicht daran, als letzte und höchste Gabe noch das einzige herzuschenken, was ihm geblieben war: Seine Kinder und seine Frau.
Erst jetzt zeigt sich, dass sein Schicksal nur eine göttliche Prüfung war: Vessantara erhält seine Familie, seinen Besitz und auch sein Reich zurück und wird nach seinem Tod als Gautama Siddharta – als der historische Buddha – wiedergeboren.
In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung verbreitete sich die Erzählung vom indischen Subkontinent aus entlang der Seidenstrasse nach Zentral- und Ostasien und auf See- und Landwegen nach Indonesien und Südostasien.
Was die Erzählung von anderen Texten des buddhistischen Pali-Kanons unterscheidet, ist seine sinnliche Qualität, er zeugt weit mehr von der Fabulierlust seiner Autoren denn von deren missionarischem Sendungsbewusstsein. Lange Passagen bestehen aus üppigen Naturbeschreibungen und erzählen nicht nur, wie die Wildnis des Himalaya-Waldes – des Ortes von Vessantaras Verbannung – aussieht, sondern wie sie klingt.
Auf diese Weise weist der Text über sich selbst als Sprachdokument hinaus. Visuelle Umsetzungen der Erzählung gehören zu den ältesten erhaltenen Kunstwerken Indiens überhaupt; frühe Beschreibungen von visuellen, dramatischen und architektonischen Umsetzungen der Geschichte finden sich etwa in der sri-lankischen Chronik Mahavamsa und in den Reiseberichten der chinesischen Pilger Faxian (5. Jh. u. Z.), Songyun (6. Jh.) und Xuanzang (7. Jh.). Heute ist die Geschichte in unzähligen Tempelmalereien Südostasiens zu sehen, im Volkstheater, auf Kalenderdrucken und bei YouTube.
Die andauernde Relevanz des Textes insbesondere für die Gesellschaften Sri Lankas und Südostasiens ist in der dynamischen Wechselwirkung von Text und Umsetzung begründet. Ziel der Ausstellung und Publikation ist es, diese Dynamik am Beispiel des thailändischen bun-Phra-Wet-Festes zu untersuchen:

Das Fest: In zahlreichen Dörfern des laotisch geprägten Nordosten Thailands (Isan) bildet der Text des Vessantara Jataka die Grundlage eines Tempelfestes, in dessen Verlauf eine geöffnete Bildrolle (pha yao phra wet) mit einer malerischen Darstellung der Erzählung von Mönchen und Dorfbewohnern durch das Dorf zum Tempel getragen und in dessen Versammlungshalle raumumspannend aufgehängt wird; anschliessend wird der Jataka-Text von Mönchen rezitiert.
Für die Dauer des Festes entzieht sich das Dorf seinem beschwerlichen bäuerlichen Alltag und wird begrifflich und rituell zum Schauplatz der Geschichte. Zahlreiche Elemente der Rezitation, der Malerei und der Paraphernalien des Festes verflechten die mythische Vergangenheit der Erzählung direkt und anschaulich mit der Realität der Isan-Bauern.
Fokus der Ausstellung ist eben diese Verflechtung, die sichtbar und greifbar wird in der materiellen Kultur des Festes – in den Artefakten:

Exponate: Art und Auswahl der Ausstellungsstücke ergeben sich aus dem Anlass selbst. Visuell wird die Ausstellung von den Bildrollen dominiert werden, diese sind in der Regel über dreissig Meter lang und etwa 1 Meter breit. Zu den weiteren Exponaten gehören die Paraphernalien des Festes, insbesondere die von Frauen hergestellten Palmblatt-Flechtwerke, sowie zeitgenössische Darstellungen des Vessantara Jataka in der thailändischen Alltagskultur.
Da es sich bei dem bun-phra-wet-Fest um einen Anlass handelt, der den menschlichen Körper mit all seinen Fähigkeiten und Sinnen einbezieht, werden auch Ton und Film wichtige Elemente der Ausstellungsgestaltung sein.

Beteiligte: Im Haus erklärten Martina Wernsdörfer und Andreas Isler ihre Bereitschaft, an dem Projekt mitzudenken und im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten mitzuwirken. Michèle Dick wäre gerne bereit, eine Filmdokumentation des Anlasses zu machen, falls es ihre anderen Verpflichtungen zeitlich erlauben. Die Restaurierung einer Rolle (s. u.) würde die intensive Involvierung unseres RestauratorInnenteams erfordern.
Das Projekt soll mit Partnern in Thailand erarbeitet werden, insbesondere mit Wissenschaftlern der Faculty of Humanities and Social Sciences der Universität in Mahasarakham; einige von ihnen wurden von Mathias Jenny bereits informell über das Vorhaben informiert und signalisiertes grosse Interesse.
Vorstellbar ist eine Kooperation mit Handwerkern oder Restauratoren aus Thailand: Ältere Bildrollen sind durch Gebrauch, Klima und unsachgemässe Aufbewahrung oftmals zerschlissen. Eine solche Rolle könnte unter Beteiligung thailändischer Partner bei uns im Haus restauriert, mit einem angemessenen Behälter versehen und so ihrem ursprünglichen Besitzer – einem thailändischen Tempel oder Museum – zurückgegeben werden.
Weiterhin äusserte Matthias Jenny vom Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der UZH grundsätzliches Interesse an dem Projekt, und dasselbe gilt für Patrice Ladwig vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. Der US-amerikanische Ethnologe Leedom Lefferts, der seit Jahrzehnten zu dem Thema arbeitet, wird sich dem Projekt als Berater zur Verfügung stellen.

Aufwand: Da es bei dem Projekt um eine Untersuchung des konkreten Funktionierens von mündlicher Tradition geht, soll diese Untersuchung ebenfalls auf der Grundlage mündlicher Aussagen erarbeitet werden; die Region bietet für ein solches Vorhaben ein reiches Feld.
Der Performance-Charakter des Festes legt nahe, den Anlass einschliesslich seiner handwerklichen Vorbereitungen auch in Form eines Films zu dokumentieren.
Die Ausstellung soll von einem Buch flankiert werden, da zu dem Thema bislang nur ein einziges Buch existiert, und dabei handelt es sich um die minutiöse Analyse einer einzigen Bildrolle im Besitz des Asian Civilisations Museum in Singapur.
Für die zu erwartenden Kosten siehe die entsprechende Excel-Tabelle im Ausstellungsordner.

Bedeutung: Leedom Lefferts zufolge wird es sich bei dem Unterfangen um die erste Ausstellung zu dem Thema überhaupt handeln; was unser Museum angeht auch um eine geographische Premiere: Es gab im Haus noch nie eine Ausstellung zu einer Gesellschaft oder Region des südostasiatischen Festlands. Die Ausstellung könnte deshalb vielleicht neue Besucher anziehen – Kulturtouristen ebenso wie Mitglieder der umfangreichen und gut vernetzten Thai-community in der Schweiz.
Project leadership and contacts /
Projektleitung und Kontakte
Prof. Mareile Flitsch (Project Leader) flitsch@vmz.uzh.ch
Thomas Kaiser (Project Leader) kaiser@vmz.uzh.ch
Funding source(s) /
Unterstützt durch
Others
 
In collaboration with /
In Zusammenarbeit mit
Mahasarakham University
Faculty of Humanities and Social Sciences
Prof. Dr. Thaveesilp Subwattana, Dean
Prof. Lawan Sankhaphanthanon, Liaison Officer
Mahasarakham 44150
Thailand
H. Leedom Lefferts
Professor of Anthropology, Emeritus
Drew University
Madison, New Jersey 07940
United States
Duration of Project / Projektdauer Sep 2014 to May 2017